Nachlese zum Accessibility Day 2008
25.06.08 von Markus RieschVon Dr. Robert Ruprecht, BFH-TI Biel-Bienne
Zürich, 11. Juni 2008
Der Accessibility Day wurde von der Stiftung “Zugang für alle”, der Schweizerischen Informatik Gesellschaft (SI) und der Credit Suisse im Forum der CS im Üetlihof in Zürich im Rahmen der informatica08 durchgeführt. Die CS war Gastgeberin und durch Mitarbeiter auch Organisatorin, die Organisation lag in den Händen der gleichentags gegründeten Arbeitsgruppe Accessibility der SI.
Teilnehmer waren neben direkt Betroffenen die (auf dem Podium und im Publikum) zahlreich vertreten waren, Leute, die sich auf irgendeine Weise mit dem Thema beschäftigten. Die Tagung war kurz nach ihrer Ausschreibung ausgebucht.
Die Tagung war vor allem Fragen um den Zugang zum Internet für Sehbehinderte gewidmet. Den anwesenden Hörbehinderten stand ein Übersetzungsdienst zur Verfügung, der die Möglichkeiten dieser Form der Übersetzung beiläufig beeindruckend demonstrierte. Trotzdem fühlten sie die Hörbehinderten ein wenig ausgegrenzt und wiesen nachdrücklich auf ihre Bedürfnisse hin, womit sie auf offene Ohren stiessen. Neben Internet-Problemen kamen im dritten Teil der Tagung auch Fragen der Ausbildung und des barrierefreien Reisens zur Sprache.
Die CS hat sich früh in der Sache ‚Zugang für alle’ interessiert, worunter sie natürlich vor allem an Bankgeschäfte dachte, an den Umstand, dass ca. 12% der Bevölkerung in irgend einer Art markant beeinträchtigt sind und diese Prozentzahl mit der Tendenz zu höherer Lebenserwartung noch steigen werde. Dahinter steckt natürlich auch ein Geschäftsinteresse: ca. 80% der CS Kunden im Private Banking sind über 65 Jahre alt. Die CS spielt deshalb auch eine Vorreiterrolle: Sie hat ihr Internet-Portal weitgehend den Bedürfnissen behinderter Kunden angepasst und ist daran, für Rollstuhlfahrer zugängliche Bankomatschalter und für Sehbehinderte ‚sprechende’ Bankomaten einzurichten.
Leiter der Tagung und erster Keynote-Sprecher war der Journalist Alex Oberholzer, seinerseits Behinderter. Er setzte einen eindrücklichen Markstein durch seinen Hinweis auf die Ausgrenzung, der Behinderte in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Die Schweiz ist in Sachen Behinderter ein Entwicklungsland (was sich zum Teil damit erklären lasse, dass sie seit Jahrzehnten keine Kriege erlebt habe, was erlaube, die natürlich Behinderten in der Menge der zunehmend adaptierten, normierten ‚Normalos’ sozusagen verschwinden zu lassen). Behinderte sind Individualisten, notwendig. Sie haben ihre eigenen Bedürfnisse. Sich nach denen auszurichten ist nicht nur ein Gebot der Ethik, es ist auch eine Forderung der wirtschaftlichen Vernunft. Diese Position unterstützte auch Prof. Dr. Carl August Zehnder (em. ETH), der sich diesen Themen während seiner aktiven Zeit stets gewidmet hat.

Sehr eindrücklich war die Präsentation der Herren Riesch und Jaun von der Stiftung “Zugang für alle” zum Thema ‚Die Bedeutung des Internets für Menschen mit Behinderungen’ insbesondere deshalb, weil Herr Jaun, blitzgescheiter und witziger jugendlich wirkender Blinder (und begnadeter Kommunikator), demonstrierte, wie der Internet-Zugang für Blinde tatsächlich funktioniert, welchen Anforderungen man also zu genügen habe. In dieser Sache ist die Schweizerische Post vorbildlich: Sie hat ihr Internetportal von gegen 11’000 Seiten mit grossem Aufwand voll barrierefrei gemacht, während Grossbetriebe wie die Coop auf dieses Kundensegment keine Rücksicht zu nehmen bereit scheint. Das BehiG lässt den privatwirtschaftlichen Unternehmungen in der Beziehung volle Freiheit: Nur Bundesbetriebe und bundesnahe Unternehmungen (wie SBB, Post, Ruag) sind gehalten, seine Normen zu erfüllen, im Übrigen hat es den Charakter einer Empfehlung. Die Bundesgesetzgebung verpflichtet auch weder Kantone noch Gemeinden.
Dabei wäre es eigentlich eine Frage der Haltung. Designer von Websites könnten sich an die Vorgaben des barrierefreien Zugangs halten, müssten allerdings gewisse Einschränkungen und Normen respektieren, wie Referierende aus dem Bereich von Informatik-Firmen darlegten. Ein neuer Web-Accessibility-Standard (WCAG 2.0) ist im Entstehen: Seit Jahren wird daran gearbeitet, nun besteht die Hoffnung, dass er im 4. Quartal 08 tatsächlich eingeführt wird (Vortrag von Tomas Caspers aus Deutschland).
In Österreich, an der Universität Linz, gibt es seit 2005 sogar einen Ausbildungsgang für barrierefreies Web Design, der sich lebhaften Zuspruchs erfreut und zu einem Master-Studiengang ausgebaut werden sollte. Darüber berichtete Prof. Dr. Klaus Miesenberger von der Universität Linz.

Auch von grossem Interesse war der Beitrag. Peter Früh von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ehemals ZHW) referierte unter dem Titel ‚Barrierefreies Reisen’ über ein Forschungsprojekt zum Thema Orientierung auf Flughäfen. Das Projekt will Sehbehinderten helfen, sich anhand der von einer Handykamera überwachten Benützung der taktilen Leitlinien in einem Flughafen zurechtzufinden. Das Projekt stiess auf einige Skepsis, ist aber von Grund auf mit Sehbehinderten zusammen angegangen worden. Ende Juni sollen erste Felderfahrungen gewonnen werden.
Ich habe diese Tagung als sehr anregend und damit sehr wertvoll empfunden und möchte den Veranstaltern meinen besten Dank aussprechen.
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