ÄCHZessibility Award: Déjà Vue, TCS und spocal

In unserer ÄCHZessibility Award Serie legen wir nun einen endspurt hin. Sechs für die Swiss App Awards nominierte Iphone Anwendungen haben wir Ihnen noch nicht vorgestellt. Hier sind drei davon:

Déjà Vue: Bilderkennung, die vielleicht funktioniert

Einige der hier angesprochenen Apps fallen wohl wieder in die Kategorie “Warum sollte ein Blinder das brauchen?”. Déjà Vue vom Startup Kooaba, nominiert in der Swiss App Awards Kategorie “Best Web App”, gehört ohne Zweifel dazu. Von einem “fotografischen Gedächtnis” ist im App Beschrieb die Rede; oder von “visuellen Memos”.
Natürlich: auch ich, der ich selbst blind bin, mache immer wieder mal ein Foto; etwa dann, wenn mir auf meinem Arbeitsweg ein Werbeplakat in den Weg gestellt wird und ich später jemanden fragen will, von welcher Firma es stammt. Ob ich dafür gleich eine eigene App brauche, weiss ich nicht.
Meine Aufmerksamkeit erregt aber ein anderer Begriff, der bei Kooaba recht hoch im Kurs ist: “Bilderkennungstechnologie”. Kooaba hat bereits mit der ‘shortcut’ App ein Produkt lanciert, welches eine fotografierte Zeitungsseite automatisch der korrekten Publikation (UND Ausgabe) zuordnet. Auch in ‘Déjà Vue’ soll eben diese Bilderkennungstechnologie zum Einsatz kommen und die gemachten Fotos automatisch kategorisieren. Mehr Details werden hierzu nicht gemacht.
…Und mehr Details kann ich auch beim Test nicht in Erfahrung bringen. Die App ist, wenn man sie mit dem Iphone Screen-Reader VoiceOver ausführt, nicht besonders angenehm zu bedienen. Das liegt daran, dass neben vielen korrekt angesagten Elementen unnötigerweise noch unbezeichnete “Tasten” angesagt werden, die lediglich bereits vorhandene Funktionen verdoppeln. Leider werden auch die gespeicherten Memos nicht mit deren jeweiligen Titeln angesagt (dieser Bereich erinnert mich ein wenig an die Koubachi App, die wir in einem früheren Blogbeitrag getestet haben).
Und eben, die Bilderkennung. Die befasst sich eine Weile mit meinen paar gemachten Fotos, liefert dann aber jeweils dasselbe Ergebnis: “Bild konnte nicht erkannt werden” – Zuordnung: Kategorie “andere”.

Screenshot DéjàVue
Weshalb ein Bild nicht erkannt wird - beispielsweise wenn es zu dunkel ist - wird dem User nicht mitgeteilt.

Fazit: Wenn wenigstens irgendwo stehen würde, warum das Bild nicht erkannt wurde; vielleicht waren ja die Lichtverhältnisse nicht Ok. Aber anyway: Blinde werden wohl im Moment eher mit der normalen Kamera App des Iphones Bilder machen; Kooaba Déjà Vue hat im Moment keinen offensichtlichen Mehrnutzen.

TCS App: Die grosse Überraschung

Im Moment, wo ich dies schreibe, herrscht im “Stadtgebiet Hildingen” im Fall gerade “Stockender Verkehr”.
Ich weiss das, weil ich es in der TCS-App nachschauen konnte – genau genommen: auf der Karte, auf welcher die momentane Verkehrslage abgebildet ist.
Dass ich das konnte, finde ich Hammer! Es ist nämlich meistens so, dass ich mit den Karten-Ansichten, wie sie in vielen Apps verwendet werden, nichts anfangen kann. VoiceOver beschränkt sich jeweils darauf, “Karte” anzusagen, ohne aber die darauf gekennzeichneten Punkte zu erwähnen. Nur sehr wenige Apps (die meisten davon exklusiv für Blinde programmiert) werden mit barrierefreien Kartenansichten geliefert. So eben auch die TCS App: Fährt ein blinder User mit dem Finger über die Kartenansicht (zugegeben: Ein Bisschen Fingerspitzengefühl ist dabei anzuwenden), sagt VoiceOver beim Berühren eines Info-Symbols jeweils eine Zusammenfassung an. Im erwähnten Beispiel wird also etwa “Stadtgebiet Hildingen, Stockender Verkehr” gelesen. Möchte ich mehr erfahren, kann ich, fast wie normal Sehende, den Punkt doppelt antippen und damit eine ausführlichere Beschreibung über Grund und Dauer der Störung ansagen lassen. Und sollte mir die Kartennavigation doch nicht liegen, gibt’s auch für Blinde die alternative Darstellung in Listenform.

Natürlich hat auch diese App, die übrigens für den “Most Downloaded” Award nominiert war, noch Schwachpunkte, was die Barrierefreiheit angeht. In erster Linie finden sich immer wieder mal Buttons, die von VoiceOver mit eher kryptischen Bezeichnungen angesagt werden (“ICN Segment Traffic” und so). Das wäre aber recht leicht zu beheben, und wenn ich denke, was die Entwickler schon mit der Kartenansicht geschafft haben…..

Screenshot TCS
Endlich eine Karte, auf der sich auch blinde Nutzer informieren können.

Fazit: Spannend, auf welche zugänglichen Trouvaillen man per Zufall stösst. Jetzt müssten sie nur noch alle Buttons beschriften, und dann ist’s schon fast wieder schade, dass ich nicht Auto fahren kann.

Spocal: Ein soziales netzwerk, so unzugänglich wie alle anderen

Kennen sie spocal? Es ist eine Art soziales Netzwerk für Studierende – Nein, ich rede nicht von StudyVZ. Das Besondere hinter spocal scheint zu sein, dass man auch (oder gerade) anonyme Beiträge verfassen kann. “Wir glauben, dass ein persönlicher Avatar und ein Nickname es jedem von euch ermöglicht, noch mehr aufregende Geschichten zu teilen und eine Persönlichkeit auf spocal aufzubauen”, schreiben die Macher in ihrem Blog.
Habe ich das wohl alles richtig verstanden und wiedergegeben?… Keine Ahnung – soziale Netzwerke, resp. zu verstehen, warum es ständig neue davon braucht, sind irgendwie nicht so mein Ding.
Was mich interessiert, ist der App-Test: Ich hole mir also die App, erstelle mein Profil (soll ich Ihnen wohl meinen Nicknamen verraten?) und wähle meine Schule aus – die ‘Uni Bern’ suche ich vergebens, aber egal.
Dann bin ich drin. Mein VoiceOver liesst mir einige kurze Texte und einige seltsam klingende Buttons (“PM-Icon” oder “BigLike” höre ich am häufigsten) vor. Als ich einen Beitrag eines offenbar berühmten Nutzers ‘Arizona’ kommentieren will, brauche ich doch recht lange, bis ich in der Nähe von “AudienceCustom” auf ein nicht weiter bezeichnetes “Textfeld” stosse.

Screenshot Spocal
Um das Textfeld zu finden, braucht es viel Geduld und Fantasie.

Fazit: Blinde Nutzer können zwar mit dieser App arbeiten. Sie brauchen dazu aber viel Geduld und eine kräftige Portion Interpretationsfähigkeit.

So Geht’s Weiter

Am Nachmittag gibt’s die drei letzten nominierten Apps, die alle für einen Preis als “Best Banking App” nominiert waren.

Downloads

    Die ÄCHZessibility Awards stehen in keinem offiziellen Zusammenhang mit den Swiss App Awards. Sie wurden jedoch offensichtlich von diesen inspiriert.

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