A4AA 2.0: Entwicklung eines barrierefreien Arbeitswerkzeugs – Teil 1

Arbeitsabläufe und ihr Verfallsdatum

Eine der Hauptdienstleistungen unserer Stiftung ist das Testen existierender Websites auf Barrierefreiheit. Der Kunde erhält dabei als Ergebnis ein Dokument, welches konkrete Verletzungen derselben aufzeigt, inkl. konkreter Massnahmen, um diese zu beheben.

Über mehrere Jahre hinweg wurden diese Dokumente mittels Microsoft Word erstellt und gewartet. Der damit einhergehende Arbeitsablauf, welcher sich lange bewährt hatte, stiess aber mehr und mehr an Grenzen: zunehmend komplexere Websites müssen mit immer unterschiedlicheren Geräten getestet werden, wobei immer mehr Tester involviert sind.

Eine neue Ära steht an

Als Entwickler von Web-Applikationen erkannte ich grosses Potenzial darin, diesen sehr manuell gehaltenen (und daher aufwändigen, redundanten und fehleranfälligen) Arbeitsablauf zu automatisieren. Ich präsentierte dem gesamten Team anfangs 2015 meine Vision, wie man mittels einer speziell auf die Bedürfnisse unseres Arbeitsablaufs zugeschnittenen Applikation deutlich effizienter (und auch angenehmer) arbeiten könnte. Keine Frage, dass Zugänglichkeit dabei eine der Hauptanforderungen darstellte, weshalb eine Web-Applikation für diesen Zweck prädestiniert war.

Wenige Wochen darauf entschied die Geschäftsleitung, eben jene Web-Applikation von mir entwickeln zu lassen. Als Name wurde A4AA (Access 4 All Audit) 2.0 definiert, wobei 2.0 in liebevoller Anlehnung an das “erwachsen gewordene” Web 2.0 gewählt wurde. Eine tolle Chance für mich, mein Wissen über Zugänglichkeit endlich einmal in der Praxis anzuwenden!

Heute, ein Jahr später, sind alle grundlegenden Funktionen fertig implementiert, und es ist Zeit, Bilanz zu ziehen.

Von Anfang an die richtigen Weichen stellen

Das Kriterium Zugänglichkeit muss von Projektbeginn an mit einbezogen werden, damit sinnvolle, für die Zugänglichkeit förderliche Entscheidungen getroffen werden können. Wie oft erleben wir im Test-Alltag Projekte, welche Zugänglichkeit im Nachhinein “noch schnell” umsetzen wollen – ein sicherer Garant, dass dafür viel Geld und Energie aufgewendet werden müssen und das Endergebnis trotzdem oft unbefriedigend bleibt.

Diesen Fehler wollte ich für A4AA 2.0 auf keinen Fall begehen.

Sauberer Code – eine Frage der Bordmittel

Ich habe in meiner Karriere als Webentwickler verschiedene Programmiersprachen und Frameworks kennen gelernt. Mein absoluter Favorit ist seit bald 10 Jahren aber Ruby on Rails.

Rails ist in Ruby geschrieben, einer sehr einfach erlernbaren und extrem mächtigen Programmiersprache. Guter Ruby-Code ist lesbar beinahe wie ein Buch, und die weltweite Ruby-Community hat den Anspruch, qualitativ hochwertigen Code zu produzieren, quasi als ungeschriebenes Gesetz in ihr Berufsethos aufgenommen. Zudem ist Rails Open Source und verfügt deshalb über eine Fülle an Erweiterungen, sogenannten Gems, welche sehr einfach in eigene Projekte importiert und angepasst werden können.

Standards und Paradigmen

Rails gibt klare, sich stark an weltweiten Standards orientierende Wege vor, wie man eine Web-Applikation zu programmieren hat (ohne diese allerdings zu erzwingen, siehe dazu den Grundsatz Konvention vor Konfiguration, welcher vom Rails-Erfinder David Heinemeier Hansson begründet worden ist). Dies führt dazu, dass resultierende Projekte sich automatisch stark an gängige, teilweise über Jahrzehnte hinweg etablierte Paradigmen halten, und daher auch von assistiven Technologien (wie etwa Screenreader, welche wie kein anderes Ein-/Ausgabegerät von diesen Standards und Paradigmen abhängig sind) erwartungsgemäss verwendet werden können – ein grosses Plus für die Zugänglichkeit! Auch ähneln sich Rails-Projekte deshalb unter der Haube stark, was es einfach macht, neue Mitarbeiter einzuführen oder existierende Projekte zu übernehmen – ein grosses Plus für die Wartbarkeit!

Präprozessoren

Rails stellt einige tolle Bordmittel zur Verfügung, welche das Generieren von Website-Code extrem vereinfachen und dazu beitragen, dass der resultierende HTML-, CSS– und JavaScript-Code quasi “von Haus aus” einen hohen Qualitätsstandard aufweisen: statt die eben genannten Sprachen direkt zu verwenden, bietet Rails sogenannte Präprozessor-Sprachen an. Diese sind einfacher zu schreiben und deutlich mächtiger als ihre Vorläufer; sie übersetzen diesen einfachen Code dann automatisch in die Vorläufersprache.

Folgende Präprozessoren verwende ich:

Das Resultat: mein Code passiert jeden Code-Validator problemlos und kann daher von assistiven Technologien entsprechend gut ausgewertet werden. Erneut ein grosses Plus für die Zugänglichkeit! Ausserdem ist der Code sehr einfach lesbar und anpassbar – ein grosses Plus für die Wartbarkeit!

Weitere Bibliotheken

Neben diversen vorinstallierten Bibliotheken bietet Rails über die oben erwähnten Gems sehr einfach die Möglichkeit, weitere Funktionalitäten hinzuzufügen (oder vorinstallierte zu entfernen).

Für das visuelle Design von A4AA 2.0 habe ich das Frontend-Framework Twitter Bootstrap gewählt. Dieses ist nicht nur sehr weit verbreitet, sondern bietet auch eine Fülle von (mehrheitlich) recht zugänglichen JavaScript-Widgets an.

Eine einzige Zeile Code, und das gesamte Framework ist in Rails verfügbar! Auf diese Weise können mögliche existierende konkurrierende Kandidaten für Projektanforderungen extrem schnell eingebunden, ausprobiert und ausgetauscht werden. Die optimale Wahl eines Kandidaten kann dadurch effizient und fundiert eruiert werden. Noch ein Plus sowohl für die Zugänglichkeit als auch die Wartbarkeit!

Nutzerzentrierte Produktentwicklung

Zur Zeit meiner Informatiklehre (kurz nach dem Jahrtausendwechsel) galt weithin noch die Vorstellung, man könne bei einem Projekt im Voraus genau spezifizieren, wie das Endprodukt aussehen soll, um es dann in einem einzigen gigantischen Entwicklungszyklus zu programmieren und das Endprodukt den Testern zur Abnahme vorzulegen (Stichwort: Wasserfallmodell). Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei, und es herrscht heute die Überzeugung, dass sich ein Projekt Schritt für Schritt im intensiven Zusammenspiel von Entwicklern und Endnutzern an das Endziel herantasten soll (Stichwort: Agile Softwareentwicklung).

Rails bietet wunderbare Tools an, um ein Projekt sehr schnell zu starten und es schrittweise zu erweitern. So kann sich aus einem einfachen funktionsfähigen “Proof of Concept”, welcher innert weniger Stunden oder Tage aus dem Boden gestampft werden kann, schlussendlich ein robustes, abgerundetes Endprodukt entwickeln, welches jederzeit wieder problemlos überarbeitet, verändert und erweitert werden kann – frei nach der Definition: “Eine Web-Applikation ist erst dann fertig, wenn ihr Betrieb eingestellt worden ist”.

Einige Stichworte diesbezüglich sind Rails’ Scaffolding- und Migrations-Tools (verfügbar über das rails generate Kommando), aber auch die Fülle an vorhandenen Erweiterungen (Gems) und die automatisierten Tests (mehr dazu weiter unten).

Resultat: Gerade NutzerInnen mit speziellen Bedürfnissen müssen sehr zeitnah an der Entwicklung eines Werkzeugs teilhaben können, so dass neue Ideen schnell umgesetzt, ausprobiert, optimiert, verworfen oder ersetzt werden können. Rails bietet alles, was man sich diesbezüglich wünschen kann – ein weiteres Plus für Barrierefreiheit – und natürlich auch die Wartung!

Tu’ es einmal und tu’ es richtig!

Wie oben bereits angetönt, gibt Rails klare Wege vor, wie eine Web-Applikation aufgebaut sein soll. Dabei fördert es einige weitere wichtige Grundsätze guter Software-Architektur, wie etwa das Single-Responsibility-Prinzip oder der (ebenfalls vom Rails-Erfinder David Heinemeier Hansson geprägte) Grundsatz Don’t repeat yourself. Bei beiden geht es darum, Dinge nur ein einziges Mal zu tun, und zwar so, dass es “verhebt” (wie wir Schweizer es ausdrücken, zu Deutsch in etwa: dass es grundsolide ist). Die Absicht ist, dass bspw. einzelne Code-Blöcke nicht dupliziert werden (Copy&Paste), sondern wiederverwendbar gemacht werden; dies verhindert Mehrspurigkeiten, welche die grosse Gefahr bergen, dass bei Wartungsarbeiten an dem einem Code-Block vergessen wird, alle Duplikate desselben ebenfalls zu warten.

Als gutes Beispiel für dieses Bestreben sei etwa Rails’ Templating-System erwähnt, welches sich in einfach wiederverwertbare Layout- und Partial-Views aufteilt.

Das Resultat: Projekte ohne “vergessene Code-Leichen”, was konsistentes Verhalten der gesamten Website garantiert. Ein Plus sowohl für die Zugänglichkeit als auch für die Wartbarkeit.

Never touch a running system?

Es soll Software-Systeme geben (z.B. in Banken), welche vor Jahrzehnten programmiert worden sind, so dass niemand mehr weiss, was da intern eigentlich genau abläuft. Jede neue Änderung solcher Systeme birgt die Gefahr, dass das System nicht mehr stabil läuft und bspw. Fehler produziert, ohne dass diese bemerkt werden. Der Leitsatz “Never touch a running system!” stammt aus dieser Zeit (und ist wohl bis heute im Sinne eines weit verbreiteten Betriebssystems noch hoch aktuell…).

Qualitativ hochwertige Software zeichnet sich heute dadurch aus, dass ihre Lauffähigkeit mittels automatisierter Tests sichergestellt wird, so dass unerwünschte Seiteneffekte, welche durch nachträgliche Änderungen ins System mit eingeführt wurden, beim Ausführen dieser Tests entdeckt werden. So kann Software auch Jahre später relativ einfach wieder angefasst werden, ohne Gefahr zu laufen, dass sie danach nicht mehr stabil läuft.

Rails bietet sehr einfache und mächtige Tools an, um automatisierte Tests zu implementieren. Deren Macht reicht vom Testen einfacher kleiner Ruby-Code-Schnippsel bis hin zum Simulieren eines realen Webbrowsers (inkl. CSS und JavaScript), so dass ganze Funktions-Szenarien getestet werden können (etwa das erfolgreiche Registrieren und Einloggen eines neuen Nutzers über die angebotene Web-Oberfläche). Sogar Accessibility-Anforderungen können (bis zu einer bestimmten Komplexität) sichergestellt werden.

Es ist ein unglaublich beruhigendes Gefühl, beim Integrieren einer neuen Funktionalität in eine bestehende Web-Applikation alle Tests durchlaufen zu lassen, um zu sehen, dass alle bisher vorhandenen Funktionalitäten nach wie vor ihren Dienst tun wie erwartet. Obigen Leitsatz würde ich deshalb gerne umformulieren in: “Never touch an untested system!”.

Resultat: sauber erstellte Rails-Applikationen bieten vom Tage ihrer Veröffentlichung an einen hohen Grad an Stabilität. Gerade auch das Funktionieren von Accessibility-Features, welche im Laufe von nachträglichen Wartungsarbeiten gerne vergessen gehen, werden so sicher gestellt. Kommt hinzu, dass diese Tests auf grundlegend sauber programmierte Funktionalitäten angewiesen sind, um automatisiert werden zu können. Daher führt ausgiebig getesteter Code immer zu deutlich höherer Qualität – ein riesiges Plus für die Zugänglichkeit und die Wartbarkeit!

Der Realitäts-Check

Wie bewährte sich Rails nun tatsächlich bei der konkreten Umsetzung unseres Projekts A4AA 2.0? Freuen Sie sich auf die bald erscheinende Fortsetzung dieses Beitrags!

Der smarte Kaffee

Kaffee, ein sehr interessantes Getränk. Es wird von vielen
Menschen in verschiedenen Variationen und zu verschiedenen Zwecken konsumiert. Es gibt Menschen, die nehmen Kaffee hauptsächlich als Koffeinzufuhr zu sich und andere, die geniessen jeden einzelnen Tropfen, und mag das auch nur ein kleiner Espresso sein.

So unterschiedlich die Menschen und Arten des Kaffeekonsums
sind, so unterschiedlich sind auch die Zubereitungsmöglichkeiten.

Es gibt Filtermaschinen, sehr gut ausgebildete baristas, die italienischen Mocas und natürlich die Automaten. Die Automaten sind sehr unterschiedlich. Es gibt Kapselsysteme, die je nach Hersteller einen Kunden an die angebotenen Kaffeespezialitäten bindet, und Vollautomaten, in die man beliebige Bohnen einfüllen kann.

Gerade Vollautomaten sind für Kaffeeliebhaber, welche ohne
grossen Aufwand verschiedene Kaffeespezialitäten zubereiten wollen, interessant. Sie bieten viele individuelle Einstellungsmöglichkeiten und erlauben es, je nach Geräteklasse sogar Kaffeespezialitäten mit Milch zuzubereiten.

Ich selber gehöre zu den Kaffeeliebhabern. Keiner der erhältlichen Kapselsysteme konnte mich mit seinen verschiedenen Kaffeevariationen wirklich begeistern. Deshalb steht bei mir, seitdem ich einen eigenen Haushalt habe, ein Vollautomat. Dieser wird meistens mit Quarta-caffè befüllt. Mit diesen Bohnen trinke ich alle möglichen Spezialitäten wie Espresso, Latte macchiato, Cappuccino usw. Die Automaten erlauben meist eine Vielzahl von Einstellungen und kommunizieren mit dem Benutzer über ein
Display. Einen Automaten zu finden, der für Menschen mit Behinderungen und insbesondere für Blinde vollumfänglich bedienbar ist, ist nicht einfach. Um Platz zu sparen, verwenden auch hier immer mehr Automaten einen Touchscreen oder ein sogenanntes Multi-Control-Rad, mit dem die gewünschten Optionen durch Drehen auf dem Display erscheinen.

Die Firma Jura, hat bis jetzt fast als einzige Automaten im Angebot, welche es erlauben, zumindest für jedes mögliche Getränk eine dedizierte Taste zu haben. Erscheint allerdings eine Fehlermeldung, muss man nach dem Ausschlussverfahren den ganzen Automaten durchchecken, ob z.B. Wasser vorhanden ist, Bohnen im Behälter sind oder der Kaffeesatzbehälter geleert werden muss.

Mit Jura Connect macht Jura einen neuen interessanten Schritt. Neue Automaten wie z.B. die Jura z6 können mittels eines  Bluetooth-Dongle ausgerüstet werden. Mit dazugehöriger App lässt sich auf dem Tablet die Maschine fast vollumfänglich bedienen. Dies ist sehr interessant, da zu jedem Getränk auch die Einstellungen angepasst werden können. Ich kann jetzt z.B. die Milchmenge im Cappuccino anpassen. Zusätzlich kann ich mir die Zählerstände auslesen lassen und mir diese per E-Mail zusenden. So kann ich im Voraus sehen, wann die nächste Wartungsarbeit wie Gerätereinigung oder Filterwechsel ansteht. Somit weiss ich bereits am Vorabend, dass eventuell am nächsten Morgen etwas mehr Zeit eingeplant werden muss.

Die App hat gerade im Bezug auf Voice-Over noch ein paar unschöne Kinderkrankheiten. Allerdings wurde Jura bereits von mehreren Blinden kontaktiert, und sie scheinen Interesse an unserem Feedback zu haben.

Wir hoffen, dass Jura dieses Potential für blinde Menschen erkannt hat und die Funktionalität weiter ausgebaut wird. Es wäre schön, wenn in Zukunft auch die Pflegeprogramme via App gestartet werden könnten.

e-Inclusion für Hochbetagte

Das Paradigma eInclusion beinhaltet den Anspruch, den Zugang zu Informationen und Dienstleistungen für alle Menschen zu ermöglichen. Dies mittels elektronischer Technologien.

TABLO Logo

Chancen für Senioren

Spontan kommen uns hierbei in erster Linie seh- und hörbehinderte Menschen in den Sinn. Schon etwas seltener Menschen mit motorischen Einschränkungen. Und zuletzt die Senioren. Die jung gebliebenen, dynamischen, aktiven Senioren werden zwar von allen Seiten umworben, nicht so ihre hochbetagten Vorgänger.

Eigentlich absurd. Bieten sich heute doch gerade für Hochbetagte – im wahrsten Sinne noch nie dagewesene – Chancen,  an der modernen Informationsgesellschaft Teil zu haben.

Technologische Fortschritte wie Videotelefonie – mit Rufwahl per Touchscreen-Fingertip auf Portrait-Fotos, fast beliebig vergrösserbare Anzeige von Schrift, Video- und Audiopodcasts sind perfekt geeignet, um die meisten typischen altersbedingten Einschränkungen kompensieren zu helfen.

Risiken

Leider werden die entsprechenden Anforderungen für Hochbetagte an die modernen Technologien von den Geräteherstellern und den Entwicklern von Software in den seltensten Fällen berücksichtigt. Kaum ein marktübliches Gerät lässt sich von Menschen mit Mehrfach-Behinderungen ohne weiteres bedienen.

Hochbetagte begegnen modernen elektronischen Geräten oft mit starken Berührungsängsten. Zu oft mussten sie sich von solchen aus diversen Gründen frustriert abwenden.  Die Abnahme von Lern- und weiteren kognitiven Fähigkeiten mit zunehmendem Alter verstärkt das Gefühl von Hilfslosigkeit im Umgang mit IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien) umso mehr.

TABLO – Tablet-Computer für Hochbetagte

In enger Zusammenarbeit mit den Alterszentren Stadt Zürich nimmt sich die Stiftung «Zugang für alle» zurzeit genau dieses Problems an.

TABLO will den digitalen Graben überwinden, welcher die heute Hochbetagten von der modernen Informationsgesellschaft trennt. Dabei sind zwei Aspekte von zentraler Bedeutung: Altersgerechte Hard- und Software sowie eine individuell abgestimmte soziale Einbettung der Verwendung des Tablet-Computers.

Die altersgerechte Tablet-Oberfläche

Herzstück von TABLO ist die auf die Bedürfnisse hochbetagter Menschen optimierte Benutzeroberfläche für Tablet-Computer:

Screenshots TABLO-UI (am Beispiel der Radio-App)

  • Die Benutzeroberfläche zeichnet sich aus durch ein sehr einfaches Bedienungskonzept. Zu jedem Zeitpunkt stehen dem Benutzer jeweils zwei Optionen zur Auswahl: Die Wahl des gewünschten Inhalts, durch Tippen auf die entsprechende Kachel (z.B. Radio und weiter SRF1), oder zurück, durch Tippen auf das Zurücksymbol (rotes Dreieck in der linken oberen Ecke).
  • Die Kacheln sind einheitlich gestaltet und sind gut wiederzuerkennen.
  • Die Grösse der einzelnen Kacheln garantiert einerseits eine gute (Wieder-) Erkennbarkeit und erlaubt andererseits
  • eine erleichterte Bedienung für Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik (z.B. aufgrund eines Tremor).

Die Inhalte werden nicht auf dem Tablet selbst eingerichtet, sondern mittels Fernwartung. Diese erfolgt ganz einfach über das webbasierte TABLO-Konfigurationstool:

Screenshot: TABLO-Konfigurationstool

Soziale Einbettung

Das Herzstück von «TABLO» besteht im Konzept der engen sozialen Einbettung.

Um hochbetagte Menschen an den Chancen, welche sich durch IKT eröffnen, teilhaben zu lassen, reicht es nicht aus, diesen ein Gerät in die Hand zu drücken und auf begeisterte Reaktionen zu warten. Menschen, die ein Leben lang nie mit entsprechenden Technologien in Berührung gekommen sind, müssen behutsam und sachte an diese herangeführt werden.

Illustration TABLO-Dreieck: soziale Einbettung durch das Zusammenspiel von Benutzer, Tablet-UI und SupporterDeshalb sieht TABLO vor, dass der Einsatz des seniorenoptimierten Tablets immer durch persönliche Unterstützung begleitet wird.

Die Rolle dieser Begleitperson, genannt «Supporter», ist sehr mannigfaltig:

  • Die Benutzer sollen regelmässig an TABLO erinnert und motiviert werden, das Tablet zu benutzen
  • Berührungsängste sollen aktiv abgebaut werden
  • Die Inhalte, welche über das Tablet abgerufen werden können, sollen individuell für die hochbetagte Person eingerichtet werden (siehe Fernwartung mittels TABLO-Konfigurationstool)
  • Die Interessen der betagten Benutzer müssen aktiv erfragt werden. Welche Radiosender sind beliebt? Lieblings-TV-Sendung? Lieblingsmusik? Persönliche Inhalte wie z.B. Familienfotos der Kinder oder Skype-Kontakte zu Enkeln wollen organisiert und beschafft werden

Eine Bereicherung für Jung und Alt

Die Stiftung «Zugang für alle» freut sich auf die Ergebnisse der laufenden Evaluation von TABLO.

Wir sind zuversichtlich, mit TABLO ein innovatives Produkt vorstellen zu können, welches eine Reihe von bekannten Problemen im Bereich Altersbetreuung anzugehen hilft.

TABLO hat das Potential hochbetagten Menschen ein Fenster zur Welt zu eröffnen. TABLO ist Herausforderung und Aktivierung. TABLO hilft Kontakte aufrecht zu erhalten und fördert die  soziale Interaktion zwischen den Benutzern und ihren Betreuern, ihrer Familie und Freunden und zwischen betagten Benutzern untereinander.

Wer zeigt dem netten Zimmernachbar nicht gerne die aktuellsten Fotos von Tochter und Enkelin?

 

Barrierefreiheit bei Airlines

Neue Richtlinien des US Department of Transportation verordnen Airlines Barrierefreiheit

Per 12.Dezember 2015 müssen Airlines mit Landerechten in den USA zentrale Online-Prozesse wie z.B. Flugbuchungen barrierefrei anbieten. Dies zwingt Airlines dazu, ihre Online-Angebote den geltenden Standards für Accessibility anzupassen. Gleichzeitig ist dies ein Beispiel dafür, dass internationale Konzerne oft im Ausland drastischeren Anforderungen zur Barrierefreiheit begegnen als in der Schweiz.

Menschen mit Behinderungen wollen elektronische Angebote von Fluglinien gleichermassen nutzen können, Flüge für sich und ihre Familien buchen, oder auch den Flugstatus abfragen, um zu erfahren ob der erwartete Besuch rechtzeitig am Flughafen ankommt. Bislang blieb ihnen dies jedoch weitgehend verwehrt, da die Online-Angebote von Airlines, wie die meisten anderen privatwirtschaftlichen Angebote im Web auch, meist nicht barrierefrei umgesetzt waren. Beispielsweise verunmöglichten ungenügende Farbkontraste die Wahrnehmung von Inhalten durch Menschen mit Sehbehinderungen, und mangelhafte Tastaturbedienbarkeit behinderte die Nutzung für motorisch eingeschränkte Personen.

Nun steht hierbei eine deutliche Verbesserung für betroffene NutzerInnen an, zumindest bei Fluglinien, welche auch in die Vereinigten Staaten fliegen. Bereits im November 2013 führte das US Department of Transportation eine Anpassung der US Bundesrichtlinie zur Luft- und Raumfahrt ein (CFR: Code of Federal Regulations 14: Federal Aviation Regulation). Diese schreibt vor, dass per Stichtag 12.Dezember 2015 zentrale Prozesse der Websites von Fluglinien mit Landerechten in den USA gemäss WCAG 2.0 auf Konformitätsstufe AA barrierefrei zugänglich sein müssen.

Explizit müssen die folgenden zentralen Prozesse barrierefrei werden:

  • Buchen oder umbuchen einer Reservation (inkl. aller Zusatzleistungen)
  • Check-in für einen Flug
  • Zugriff auf persönlichen Flugplan
  • Informationen zum Flugstatus abrufen
  • Zugriff aufs persönliche Vielflieger-Konto
  • Informationen zu Flugplänen abrufen
  • Zugriff auf Kontaktinformationen der Airline

Zudem müssen alle restlichen Webseiten, die nicht die obgenannten Prozesse betreffen, per Stichtag 12.Dezember 2016 ebenfalls barrierefrei zugänglich sein.

Die Stiftung «Zugang für alle» (www.access-for-all.ch) hat 2015 fünf Europäische Fluglinien dabei unterstützt, diese Anforderungen zu erfüllen und ihre Online-Angebote barrierefrei bereitzustellen. Dabei bewegt man sich im Spannungsfeld zwischen den berechtigten Ansprüchen von Betroffenen, sehr viel Engagement auf Seiten der direkt im Projekt Beteiligten Airline-Verantwortlichen, und bestehenden, hochkomplexen, technischen Systemen, welche im Nachhinein nur mit sehr grossen Anstrengungen durchgängig anzupassen sind.

Gleichzeitig ist dies auch ein Beispiel dafür, dass international tätige Schweizer Konzerne im Sinne der Rechtssicherheit gut beraten sind, ihre Angebote barrierefrei zu gestalten. Schnell kann diese Anforderung in ausländischen Märkten gestellt werden, auch wenn sich hier die Schweizer Gesetzgebung offenbar deutlich toleranter zeigt.

Accessibility Features der PS 4

Das Digitale Zeitalter bietet viele neue Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung. Immer mehr Smartphone-Apps sowie Spiele bemühen sich um Barrierefreiheit. Bis jetzt haben sich diesem Treand aber die klassischen Spielkonsolen nicht angeschlossen.

Sony hat mit der Play Station 4 und der  erschienenen Systemsoftware eine historische Änderung eingeleitet. Endlich haben Menschen mit Behinderung Zugang zu  Systemfunktionen und erleichterten Zugang zu den Spielen.

Die Funktionen umfassen:

Fetter Text
Stellt den Systemtext fett dar.
Grosser Text
Vergrössert den gesamten Systemtext.
Farben umkehren
Kehrt die Farben für bessere Lesbarkeit um.
High Contrast Mode
Schaltet in einen hohen Kontrastmodus um.
Text to Speech, Sprachausgabe
Diese ist nicht in allen Ländern verfügbar und funktioniert nur auf Englisch. Der Bildschirminhalt wird zumindest bei Systemfunktionen vorgelesen.
Closed Captioning
Untertitelung für Gehörlose. Sie beschreibt zum Beispiel spezielle Töne oder Geräusche, die bei einem Spiel eine bestimmte Funktion erfüllen.
Autoscroll Speed
Regelt die Geschwindigkeit für automatisch scrollenden Inhalt.
Button Assignments
Ermöglicht die Konfiguration der Kontrollertasten.

Fazit

Ich habe die Funktionen bereits ausprobiert und bin
begeistert. Die Spieleentwickler müssen sich natürlich selber auch um Barrierefreiheit bemühen. Es reicht nicht, dass die Konsole zum Beispiel die Möglichkeit von Untertitelung bietet, diese von den Spieleentwicklern aber nicht genutzt wird.

Es bleibt zu hoffen, dass die grossen Spieleentwickler
unsere Bedürfnisse erkennen und sich darum bemühen, diese zu befriedigen, denn gemeinsames Spielen ist auch eine Form der Partizipation an der Gesellschaft.

 

Die Touch-Anpassung in IOS 9

Einleitung

Bis zur Version 8.4 von iOS war es nicht möglich, die Empfindlichkeit des Touch-Screen den Bedürfnissen motorisch eingeschränkter Menschen anzupassen. Ab Version 9.0 gibt es nun unter den Bedienungshilfen die sogenannte «Touch-Anpassung», auf Englisch auch «Touch-Accommodation» genannt. In diesem Beitrag möchte ich die verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten kurz vorstellen.

Welche Einstellungsmöglichkeiten gibt es und wo finde ich diese?

Wie alle Einstellungen, die es Menschen mit einer Einschränkung erleichtern, ein iOS-Gerät zu verwenden, befindet sich die „Touch-Anpassung“ in Einstellungen und dort unter Allgemein > Bedienungshilfen.

Screenshot Einstellungen Touch-Anpassung
Die Einstellungen für die Tuch-Anpassung
  1. Haltedauer
  2. Wiederholung ignorieren
  3. Tipp-Assistent
  4. Tipp-Assistent Gestenverzögerung (nur verfügbar in Kombination mit dem Tipp-Assistenten)
Screenshot Touch-Anpassung aktiviert
Die Touch-Anpassung ist aktiviert

Im Folgenden werden die drei Einstellungsmöglichkeiten näher beschrieben.

Haltedauer

Mit der Einstellung «Haltedauer» kann bestimmt werden, wie lange der Finger auf dem Bildschirm aufliegen muss, bis ein einfacher Tipp ausgelöst wird. Mit den beiden Schaltern «-» und «+» rechts neben der Zeitangabe, kann die Haltedauer verkürzt oder verlängert werden. Wenn diese Einstellung aktiv ist, erscheint bei der Berührung des Bildschirmes ein runder Kreis unter dem Finger, welcher als eine Art Timer dient. Erst wenn dieser Kreis verschwindet, wird ein einfacher Tipp ausgelöst.

Screenshot Haltedauer. Mehr Information in der Bildbeschreibung unten.
Mit den beiden Symbolen «-» und «+» wird die Haltedauer verkürzt oder verlängert
Ein Ausschnitt des Home Screen. Mehr Information in der Bildbeschreibung unten.
Die dunkle Kreisscheibe auf dem Symbol des Game Center dient als eine Art Timer, erst wenn dieser Kreis verschwunden ist wird eine Berührung als solche erkannt.

Wiederholung ignorieren

Wie der Name der Einstellung schon sagt, sorgt diese Einstellung dafür, dass versehentliches mehrfaches Tippen ignoriert wird. Auch hier ist es möglich, die Zeitspanne einzustellen, die zwischen zwei Berührungen vergehen muss, bis beide Berührungen vom Gerät registriert werden.

Tipp-Assistent

Mit dieser Einstellung kann bestimmt werden, ob die erste oder die zweite Berührung bei versehentlichen mehrfachen Berührungen vom Gerät registriert werden soll.

Hier gibt es die drei Einstellungen:

  • Aus
  • Erste Berührung verwenden
  • Zweite Berührung verwenden

Tipp-Assistent Gestenverzögerung

Mit dieser Einstellung lässt sich festlegen, wie lange es dauern soll, bis eine Berührung nicht als Tipp, sondern als Geste erkannt wird. Wenn diese Funktion aktiv ist, erscheint ein schwarzer Kreis als eine Art Timer. Hebt man den Finger vor Ablauf der eingestellten Zeit, also bevor der Kreis verschwindet,- wird das als Tippen verstanden. Wartet man, bis die eingestellte Zeit überschritten ist, wird die Bewegung als andere Geste verstanden.

Fazit

Ich finde es gut, dass es mit der Touch-Anpassung jetzt auch in iOS eine Möglichkeit gibt, die Berührungsempfindlichkeit des Touch-Screen den Bedürfnissen motorisch behinderter Menschen anzupassen. Bin gespannt, wie sich die Einstellungen im Alltag bewähren. Ich freue mich auf entsprechende Kommentare zu diesem Thema.

Neuerung in iOS 9

Endlich, das neue Update iOS 9 ist da!

Wie üblich hat die neue Version auch in den Bedienungshilfen
Neues dazugelernt. Am interessantesten dürfte wohl das Markieren von Text via Rotor sein. Übrigens, der „Rotor“ heisst unter iOS jetzt „Liste“.

Will man einen Text markieren, kann man auf der aktuellen
Textstelle mit der Rotorgeste den Eintrag „Textauswahl“ anwählen. Mit Auf- und Abstreichen des Fingers kann gewählt werden, in welchem Schritt markiert wird: zeichenweise, wortweise, linienweise, seitenweise usw. Wischt man mit dem Finger von links
nach rechts, erweitert man die Markierung um die zuvor gewählte Einheit.

Formatierungen werden in unterstützten Apps angesagt. Befindet
man sich in einer App wie zum Beispiel „Mail“ oder „Notizen“ werden Formatänderungen mitgeteilt. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Feature auch in den Office-Apps wie „Pages“ oder „Word“ für iOS in absehbarer Zeit unterstützt wird.

Hinsichtlich der Unterstützung für die Hardware-Tastatur
sind einige Verbesserungen erwähnenswert. Beispielsweise kann die Voice-Over-Sondertaste jetzt durch die CapsLock-Taste ersetzt werden. Ausserdem lässt sich wie bei OSX schon lange üblich auch endlich die Sondertaste für VoiceOver einrasten. Alle Einstellungen zu den Sondertasten von VoiceOver können unter Einstellungen >
Allgemein > Bedienungs > Hilfen > VoiceOver > VoiceOver Sondertaste vorgenommen werden.

Auch für Braille-Nutzer finden sich iOS 9 Verbesserungen.
Die Braillezeilen-Unterstützung hat dazu gelernt; es kann eingestellt werden, wie lange Hinweise auf der Zeile verweilen, bevor Sie verschwinden. Und die Braille-Bildschirmeingabe sagt nun falschgeschriebene Wörter an.

Weitere Neuerungen beziehen sich auf die Multitask-Bedienung, welche erst ab dem iPad Air 2 und dem neuen iPad Mini  verfügbar ist.

Fazit

Es ist schön, dass VoiceOver immer noch mit neuen praktischen Features erweitert wird. Wir hoffen aber auch, dass der Behandlung von Bugs die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Die Schlaue Navigation in Beta 1 von Jaws 17

Einleitung

Am 16.9.2015 hat Freedom Scientific die erste Beta-Version des bekannten Screenreader Jaws veröffentlicht. Dies nehme ich zum Anlass über eine  praktische Neuerung zu berichten.

Was ist die Schlaue Navigation?

In Jaws gibt es schon seit einigen Jahren den sogenannten Virtuellen Cursor mit dem man auf Webseiten sich, ähnlich wie in einen Word-Dokument mit den vier Cursor-Tasten bewegen kann. Um Formulare auszufüllen, gibt es auch noch den sogenannten Formularmodus, in dem man eigentlich nur von Formular-Element zu Formular-Element springen kann. Im Formular-Modus werden nur die Label-Elemente der Eingabefelder angesagt. Text in Form von Paragrafen wird im Formular-Modus nicht vorgelesen. Dies nur kurz zur Erklärung.

Bis zur aktuellen Vollversion 16 ist es so, dass wenn man sich mit den Cursor-Tasten oder mit STRG+Pfeiltaste links oder rechts bewegt wird allfälliger Inhalt von Formularfeldern Buchstaben weise vorgelesen, ähnlich wie in einen Word-Dokument, in welchem man sich mit den genannten Tasten bekanntlich auch buchstabenweise respektive wortweise bewegen kann.

Da auch in Unternehmen immer mehr webbasierte Anwendungen mit teilweise grossen und komplexen Formularen Einzug halten, hat Freedom Scientific in der neuen Version eine neue Funktion namens „Schlaue Navigation“, auch „Smart Navigation“ genannt, eingeführt. Neu wird in Formularen im virtuellen Cursor nicht mehr wie bisher buchstaben- oder wortweise navigiert, wenn man sich mit den Cursor-Tasten oder mit der Tastenkombination STRG+Pfeiltasten durch ein Formular bewegt, sondern Jaws springt neu von Element zu Element. Also von Beschriftung zum  dazugehörigen Eingabefeld und weiter zur folgenden Beschriftung und zum nächsten Eingabefeld oder auch zum nächsten Schalter oder Kontrollfeld usw.

Was heisst das konkret?

Als Beispiel nehmen wir das Kontaktformular der Messe Swiss Handicap Ende, die im November in Luzern stattfindet.

Das Kontaktformular mit den ausgefüllten Eingabefeldern

Als Ausgangssituation nehmen wir an, wir hätten bereits die Angabe für Anrede gemacht und die drei Eingabefelder für Vorname, Nachname und Firma ausgefüllt und möchten nun kontrollieren, ob wir bis dahin alles richtig gemacht haben.

Bisher war es so, dass wenn sich Screenreader-AnwenderInnen mittels Pfeil-Tasten links oder rechts bewegten, wurde der Text buchstabenweise vorgelesen also z.B.  „V o  r  n  a  m  e  *“   „P  e  t  r  a“  oder wenn die STRG-Taste in Kombination mit den Pfeiltasten links oder rechtsverwendet wurde, wurde wortweise vorgelesen also etwa „Vorname*“   „Petra“.

Bei aktivierter Schlauer Navigation wird bei Verwendung der Pfeiltasten links oder rechts das fokussierte Element vorgelesen. Also Vorname * Eingabefeld Petra. Bei den  Eingabefeldern „Vorname“ und „Nachname“  ist es noch nicht so ersichtlich, was sich geändert hat, da nur ein Wort im Eingabe Feld steht. Beim Eingabefeld Firma und dem Eintrag Stiftung „Zugang für alle“ wird die Funktionsweise ersichtlich, da wird nämlich abhängig welches Element gerade den Fokus des Virtuellen  Cursors besitzt „Firma“  oder „Eingabefeld Stiftung  „Zugang für alle““ vorgelesen.

Noch eine neue Funktion

Bisher war es so, dass Links in Fliesstexten, wenn der Virtuelle Cursor aktiv ist, immer auf einer neuen Zeile angesagt wurden.

Nehmen wir die Seite „Organisationsteam“ als Beispiel:

Wenn wir jetzt den Text von René Plaschko mit aktivem Virtuellem Cursor lesen, dann wurde bis anhin der E-Mail link auf einer eigenen Zeile angezeigt. Beispielsweise so:

Überschriftenebene 3 René Plaschko
Messeleitung/Administration,

Mail senden Link r.plaschko@swiss-handicap.ch

Zitatblock
„Ich freue mich unheimlich, allen behinderten und schwer erkrankten Menschen sowie allen Akteuren der Branche diese interessante, neuartige Plattform zur Verfügung stellen zu dürfen……

Mit der aktiven „Schlauen Navigation“ ertönt jetzt ein leises Plop-Geräusch, sobald eine Textzeile einen Link enthält, und der Link wird auch als Teil des Fliesstextes vorgelesen und nicht mehr auf einer eigenen Zeile wie bisher. Um den Link zu aktivieren, muss man nicht mehr direkt auf dem Link sein, es genügt wenn man auf einer Zeile, in welcher sich ein Link befindet, die Eingabetaste betätigt.

Damit es keine Verwirrung gibt, weil sich Jaws 17 plötzlich anders verhält, ist die Funktion „Schlaue Navigation „ standardmässig deaktiviert und Jaws verhält sich wie bisher. Wie man die „Schlaue Navigation“ aktiviert steht auf  der Download-Page für die Beta-Version.

Fazit

Wie bei allen Betas kommt es gelegentlich zu Problemen, aber was ich in meinem kurzen Test der „Schlauen Navigation“ gesehen habe, hat mir persönlich gefallen. Ich werde das Thema „Schlaue Navigation“ weiter verfolgen.

Die mehr visuell orientierte Darstellung von Formularen und Links in Fliesstext, wird auch bei der Zusammenarbeit mit sehenden Personen hilfreich sein, da sich Screenreader-AnwenderInnen besser das visuelle Layout einer Seite vorstellen können.

Amazon und Barrierefreiheit – ein geplatztes Abkommen zwischen New York City und Amazon

Teil II: Was geht uns das in der Schweiz an?

Wenn die Verkäufer über die Qualität der Produkte herrschen

Im ersten Teil dieses Blogbeitrags berichtete ich darüber, dass ein Abkommen zwischen Amazon und New York City dazu geführt hätte, dass Schülerinnen oder Schüler betroffener öffentlicher Schulen mit digitalen Lehr- und Lernmaterialien versorgt worden wären, die von Menschen mit einer Lesebehinderung nicht gelesen werden können. Das Amazon-eigene eBook-Format hat sogar bei elementaren Funktionalitäten enorme Defizite bei der Barrierefreiheit. Als geradezu grotesk erscheint das, wenn die vom Verlag ins Produkt eingebaute Barrierefreiheit der Format-Konversion geopfert wird. Das ist, wie wenn ein Online-Händler den vom Schneider gelieferten Saccos die Knöpfe abschnitte, bevor er sie fröhlich verkauft.
Gerade im Bereich von digitalen Lehr- und Lernmaterialien, die im Gegensatz zu Fliesstexten wie Romanen, Erzählungen, Artikel etc. per se äusserst komplex strukturiert daherkommen, vermehrt mit dynamischen interaktiven Funktionalitäten ausgestattet und mit Graphiken, Bildern oder gar Videos durchsetzt sind, wirken sich unzugängliche Lehrmittel für Menschen mit Behinderung in Aus- und Weiterbildung verheerend aus.

Was meint die Gesetzeslage In der Schweiz zu barrierefreien Lehrmitteln?

Gesetzliche Grundlagen im Bereich barrierefreier Lehrmittel sind kaum vorhanden und jedenfalls zahn- und wirkungslos. Immerhin gibt es gewisse elementare Ansatzpunkte, von denen her sich Verbesserungen entwickeln liessen. Erwähnt seien hier

sowie

der die Schweiz im vergangenen Jahr beigetreten ist.

Eine „umfassende und kohärente Behindertenpolitik“, wie sie Bundesrat Alain Berset vorschwebt, wird demnach dem Punkt „Barrierefreie Lehr- und Lernmittel“ im grösseren Kontext eines Kapitels „Diskriminierungsfreier Zugang zu Aus- und Weiterbildung“ besondere Aufmerksamkeit schenken müssen (siehe Artikel 24 UNO-BRK).

Worum geht es eigentlich?

Bevor man sich in die technischen Komplexitäten stürzt und sich über die verwickelten Interdependenzen zwischen Standards und ihrer Anwendungen bei Produktion, Distribution und Rezeption den Kopf zerbricht, lohnt es sich einfach zu bleiben und auf den Punkt zu bringen, was die Forderung ist.
Gefordert ist, dass die an Schulen und Bildungsinstitutionen aller Stufen verwendeten Lehr- und Lernmittel von Menschen mit einer Lesebehinderung gleich effizient und effektiv gelesen und genutzt werden können wie von nicht-behinderten Studierenden.
Um das Töpfchen voll zu machen und nichts zu verschweigen, sei ausserdem festgehalten, dass sich aus der Grundforderung selbstverständlich ableitet, dass auch die Vertriebs- und Austauschplattformen und die Tools, mit denen die Lehrmittel gelesen werden, barrierefrei sein müssen.
Wenn ich als Kunde infolge von Barrieren den Inhalt nicht einmal erwerben oder ihn im besseren Fall zwar erwerben, aber nicht lesen kann, ist auch das maximal barrierefreie Produkt verlorene Liebesmühe.

Wichtig ist, wie man ansetzt

Schöne Forderungen sind gut, die Umsetzung schwierig. Wer würde nicht fragen, wie es möglich und finanzierbar sein soll, alle Lehr- und Lernmittel für sensorisch, motorisch, psychisch und kognitiv behinderte Studierende so aufzubereiten, dass sie für jede einzelnen betroffene Person optimal barrierefrei verwendbar sind. Eine reflexartige Antwort, die kaum ausbleiben wird, lautet: Der Anspruch ist überrissen, dessen Einlösung sachlich unmöglich und finanzierbar sowieso nicht.
Wirklich? Warum sich vorschnell zu inadäquaten Antworten hinreissen lassen? Warum nicht nach Lösungen suchen? Warum nicht vorhandene Lösungsansätze prüfen und weiter entwickeln?
Versuchen wir, die Dinge von Anfang an in die richtigen Bahnen zu lenken. Unwiderruflich behaupte ich:

  • Druckerzeugnisse wie Bücher, Arbeitsblätter, Fotokopien, Flyers usw. können im Sinne der Forderung nie barrierefrei sein.
  • Auch elektronische Druckvorstufen wie beispielsweise PDF-Dokumente, die vielfach als eBooks feilgeboten werden oder als herunterladbare Dokumente auf Webseiten zu finden sind, oder WORD-Dokumente, sind mehr als suboptimal und fallen bei der erstbesten kleinen Hürde schnell ausser Rang und Traktanden.

Was dann?

Gesucht ist ein digitales Produkt, welches unsere Rezeptionserfahrung aus dem Umgang mit dem Internet aufnimmt und mit den charakteristischen Eigenheiten von Lehrmitteln erweitert. Was das meint, darauf will ich bei Gelegenheit in zukünftigen Blogbeiträgen eingehen.

Amazon und Barrierefreiheit – ein geplatztes Abkommen zwischen New York City und Amazon

Teil I: Was geschah?

Vor kurzem platzte vorerst ein „Deal“ über USD 30 Mio. zwischen Amazon und dem Department of Education von New York City in letzter Sekunde. Amazon sollte für die öffentlichen Schulen in New York City eine Online-Plattform entwickeln, über die staatliche Schulen in New York City digitale Inhalte (eBooks, eTextbooks, Apps etc.) beziehen könnten.
Amazon drängt jedenfalls in den USA, aber sicherlich auch anderswo, auf den Schul- und Bildungsmarkt. Die bereits bestehende Plattform Whispercast verspricht Schulen der obligatorischen Schulstufen eine einfache Lösung. Sie soll ihnen helfen, sich auf den Übergang zum digitalen Lehren und Lernen zu konzentrieren, anstatt sich mit technischen Problemen herumzuschlagen. Für Lehrkräfte an Hochschulen macht es Whispercast gemäss Amazon so einfach wie noch nie, digitale Inhalte zu beschaffen, zu verwalten und den Studenten oder Studentinnen auf sozusagen alle gängigen Geräte zukommen zu lassen. Alles nahtlos aus einem Guss – ein Glücksversprechen.
Was ist dagegen einzuwenden?
Das: Amazons e-Bücher „haben ernsthafte Probleme mit der Barrierefreiheit für blinde Studierende, insbesondere im akademischen Bereich. Kindle-Geräte können nur Kindle-formatierte Inhalte lesen“, und zwar „unabhängig vom Abspielgerät oder der Plattform, über die eine Leserin oder ein Leser an den Inhalt herankommt, und unabhängig davon, ob das ursprüngliche Dokument barrierefrei produziert wurde oder nicht“.
Das klingt kompliziert und erschliesst sich dem Uneingeweihten nicht ohne weiteres. Eine kurze Erläuterung ist deshalb notwendig. Amazon erhält von den Verlagen die digitalen Inhalte entweder im geforderten Amazon-Format oder konvertiert die angelieferten Formate in dieses. Liefert ein Verlag beispielsweise ein barrierefrei produziertes Lehrmittel, führt das wegen der limitierten Accessibility-Fähigkeiten des Amazon-Formats zum Verlust der Barrierefreiheit der Originalvorlage.
Das hat konkrete Auswirkungen: Amazons auf Kundenbindung hin angelegtes Geschäftsmodell und die daraus generierte Marktmacht führen dazu, dass ein blinder Student oder eine blinde Studentin in einem Lehrmittel oder Fachbuch zum Beispiel

  • Tabellen nicht lesen kann,
  • nicht zum nächsten oder vorangehenden Abschnitt springen kann,
  • nicht zum nächsten oder vorangehenden Hyperlink oder Kapitel springen kann,
  • alternative Beschreibungen von / zu Bildern, Graphiken oder anderen visuellenDarstellungen nicht lesen kann, also keine Vorstellung davon gewinnen kann, was die Bilder, Grafiken usw. im Buch „sagen“,
  • nicht zuverlässig / vorhersehbar zwischen Fuss- oder Endnoten und den entsprechenden Verweisen im Text navigieren kann
  • oder mathematische Formeln nicht lesen kann.

Wie sollen blinde Menschen im digitalen Zeitalter so lernen oder studieren können? Eine rhetorische Frage.
Gestützt auf die amerikanische Gesetzgebung, meldete sich die National Federation of the Blind (NFB) in den USA deutlich zu Wort. Nachdem zwei Briefe vom 7. und 13. August 2015 an die Verantwortlichen von New York City unbeantwortet geblieben waren, rief NFB zu einer öffentlichen Protestkundgebung gegen das Amazon-Abkommen auf. Diese sollte am 26. August stattfinden.
Erst jetzt, am 25. August, reagierte New York City und teilte mit, dass die Abstimmung über das Abkommen mit Amazon im „Panel for Educational Policy“ vorerst verschoben wird.
Die Dokumente zu dem bemerkenswerten Vorgang können auf der Webseite des NFB nachgelesen werden. Eine durchgehend lohnenswerte Lektüre.

 

 

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